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Stadtgründungsfest

Lebschèe - Malerische Topographie

Der Obelisk am Karolinen-Platze

Am Anger

Der Obelisk am Karolinen-Platze

DER OBELISK
am Karolinenplatz

Feierlich und erhaben schimmert die einfache, ehrwürdige, militärische Ehren- und Denksäule durch fünf schöne, gerade Strassen der Max-Vorstadt auf den zirkelförmigen, meistens von fremden Gesandtschaften bewohnten Karolinen-Platze, wo sich jene Strassen kreuzen und die zum Theile Sieges-Namen aus dem französischen Befreiungs-Kriege von dem Jahre 1914 tragen. Auf drey Granit-Stufen strebt sie kühn ein hundert bayer'sche Fuß hoch empor in die Lüfte, diese Säule. nach Klenze's Zeichnung aus mehr als 600 Zentnern Bruchmetall, größtentheils Kanonen verschiedener Nationen, von Stiegelmayr meisterlich gegossen, zum ewigen Andenken an die Großthaten des tapferen bayer'schen Heeres, zur Zierde der stolzen Königs-Stadt. Vier Widerköpfe, an den Ecken des Fußgestells angebracht, tragen die sich um das Ganze windende Lorbeer-Kränze, in deren Zwischenräumen an den flachen Seiten die Inschriften angebracht sind:

Den 30,000 Bayern, welche im russischen Kriege den Tod fanden.
Errichtet von Ludwig I, König von Bayern.
Vollendet am 18. Oktober 1933.
Auch sie starben für die Befreiung des Vaterlandes.

Eine Ehrenwache der Infanterie ist daselbst aufgestellt.

Frankreichs Kaiser Napoleon, der gefürchtete Schnelleroberer fremder Länder, und unüberwindlicher Völkerzwingherr seiner Zeit, hieß in den ersten Monaten des verhängnisvollen Jahres 1812 das erste und zweite bayer'sche Armee-Korps unter Deroy und Wrede als 19. und 20. Division der großen, von ihm selbst gegen Rußland geführten französischen Armee sich anzuschließen. Er drang mit dieser über die Weichsel, den Niemen u.s.w. Unsterbliche Ruhm erwarben die tapferen Bayern unter anderen in dem glänzenden, dreitägigen Kampfe im August bei Polozk mit tausend Menschen-Opfern und dem theuren Leben ihres greisen Führers Deroy, der dort sein erwünschtes Grab fand. In Moskau fand endlich Napoleon, den Schlu´ßpunkt seiner gewohnten Siege. Bei dem Brande Kremelin's schien sich zum Erstenmale der Spruch im Schicksals-Buche ihm zu zeigen: "Bis bisher, und nicht weiter." Moskaus's Flammen beleuchteten den gräßlichen Rückzug der zusammengesetzten großen französischen Heeresmacht; Frost, Hunger und Elend übersäte die ungeheuren Schnee- und Eis-Gefilde von der Moskwa bis an die Berezina mit Leichen und den letzten Trümmern jener zerrütteten aufgelösten Macht. Wrede, der glorreiche Held, ward uns erhalten durch einen schützenden Genius, um sein thatenreiches Leben für die nachkommende wichtige Befreiungs-Periode zu bewahren, wozu der gewagte Zug nach Rußland den ersten, den großen Anfangs-Buchstaben dargeboten hatte. Er allein stund noch da, felsenfest inmitten der allgemeinen klimatischen Verheerung, vertrauensvoll umgeben von einem kleinen Häuflein treuer Bayern. Mit Ordnung, Ruhe und Ausdauer führte er sie zurück, in's trauernde Vaterland, obwohl Natur und Elemente, Mangel und Krankheit noch fortfuhr, mit ihnen zu kämpfen, vielgestaltiger Tod sich an ihre Fersen heftete.

Schon damals, nach den siegreichen Tagen von Polozk, entstand der allgemeine Wunsch in der bayer'schen Armee, ihrem, für Fürst und Vaterland verbluteten, tapferen General der Infanterie, von Deroy, dem Brigade-General Siebein, den Obersten des 8. und 10. Linien-Infanterie-Regiments, Wreden und Graf von Preysing, den Oberstleutnant des 1. leichten Infanterie-Bataillons, von Gedoni, überhaupt allen dort gefallenen Bayern, ein würdiges Denkmal zu setzen. Inzwischen hemmen die eben so rasch als unglücklich sich aufeinander drängenden Kriegs-Begebenheiten die löbliche Ausführung dieses Vorsatzes, indem die noch übrigen Lebenden nur auf ihr eigenes Heil mehr bedacht seyn konnten. Da rettete König Ludwig, dessen erhabener Geist für alles Große und Würdige erglühte, auch diese schöne, erhabene Idee aus dem fortrauschenden Strome der Zeit, um sie auf denkwürdige und glänzende Weise ind der Haupt- und Residenz-Stadt des Reiches an die Nachwelt zu knüpfen. Er übernahm es hochgesinnt, die Kosten von 50,000 fl. aus seiner Kabiets-Kassa zu bestreiten, und dies zu solchem Zwecke im Heere zusammen geschossenen 2,380 fl. dem Unteroffizier-Unterstützungs-Font großmüthig zuzuwenden.

Mit militärischen Glanze ward die Weihe und Enthüllung dieser Ehren-Denksäule am zwanzigsten Jahrestage der großen Völkerschlacht bei Leipzig begangen. Nachdem die ganze Garnison ein Viereck um die Säule gebildet hatte, erschien der König Selbst mit dem k. Prinzen und einem zahlreichen Generalstabe, und wurde mit allgemeinen Jubelrufe empfangen. Alle, aus dem rußischen Feldzuge noch übrigen, eigens einberufenen Generäle, Stabs-, Ober- und Unteroffiziere, Militärbeamten und Civilisten, stunden in einem Kreise, und der k. Feldmarschall Fürst Wrede hielt an dieselben eine herzergreifende Rede. Hierauf ging die Enthüllung des Obelisken vor sich, und der König musterte nacher die paradierenden Truppen aller Waffen-Gattungen auf dem Maximilians-Platze.

Die ewig denkwürdige Feier dieses Tages führte freudig alle jene Veteranen der bayer'schen Armee von verschiedenen Graden und Waffen, sowie die inzwischen in Civildienste oder in's bürgerliche Leben getretenen Individuen als zeugende, benarbte und ergraute Ueberreste einer verhängnisvollen Epoche wieder zusammen, wie zu einem traulichen Familienfeste, welches  mit einem fröhlichen Mahle und feurigen Toasten schloß. So vereint, werden sie hie sich nie wiedersehen, die wackern Bayern!