Lebschèe - Malerische Topographie
|
|
Schleissheim. |
|

SCHLEISSHEIM
Im Jahre 1597 vertauschten Herzog Ernst von Bayern, Kurfürst zu Cöln, Fürstbischof zu Freysingen ec, und das Frysingische Domkapitel, die „Schwaig Clain, oder die Bruder-Schleißhaimb genannt, auf dem Gfüll bei München gelegen“, an des Bischofs Bruder, den regierenden bayerischen Herzog Wilhelm V., gegen verschieden Urbargüter und Gefälle in der Nähe Freysingens.
Dieser fromme Fürst widmete diesen Orte eine besondere Vorliebe. Freund der Einsamkeit und mönchischer Andacht, erbaute er sich hier neuen Zellen oder Klausen, welche er mit dem Namen verschiedener Heiligen bezeichnete, und mit diesen Bildnissen der alten Ahnherrn auszieren ließ. Nach Herzog Wilhelm V. Tode blieb Schleißheim unter seinem Sohne und Nachfolger, dem großen Kurfüst Maximilian I., vernachläßigt. Hingegen weilte Maximilian I. Sohn, Wilhelm V. Enkel, der friedfertige Kurfürst Ferdinand Maria hier sehr gerne, wo er auch den 26. Mai 1679 starb.
Der herrliche Palast, welchen wir jetzt bewundern, ist die großartige Schöpfung des, die Kunst kennenden und liebenden Kurfürstens Maximilian Emanuel durch seinen genialen Hofarchitekten Heinrich Zucalli. Der Palast ist im größten italienischen Style, frei Stockwerke hoch, in ungemein schönen und edlen Verhältnissen prachtvoll erbaut, und behauptet hinsichtlich der Reinheit und Größe einen weiten Vorrang vor der Königlichen Sommerresidenz Nymphenburg. Die Hauptfassade ist 500 Fuß breit. An das herrliche Hauptgebäude stoßen zurückstehende Gallerien, welche sich an die wiederum hervorspringenden großen Pavillion anschließen. In der Höhe und unten am Sockel sind Verzierungen von vergoldeten Eisen angebracht. Das Innere des Pallastes ist des Äußern vollkommen würdig. Die Dekoration der Säle, Gemächer und Gallerien an Vergoldung, ungemein großen und seinen Spiegeln, und prächtigen Marmor ec. gränzt an Verschwendung. Schon beim Eintritte wird der Besuchende durch die hohen, und kühn gesprengten Gewölbe der prächtigen Vorhalle (Bestibul) mit ihren 16 hohen Marmorsäulen, dem schönen Plafond von Kosmas Dhamian, Asam, und die große, heitere Treppe, auf das Angenehmste überrascht. Der Victoriensaal, un der große Vorsaal an der Haupttreppe, enthalten durch Umfang, Kunst und Portraiten-Aehnlichkeit ausgezeichnete Gemälde von Franz Joachim Beiz, Jakob Amigoni und Josef Bivien, welche des Kurfürsten Maximilian Emanuels (des gefürchteten blauen Königs) Heldenthaten gegen die Osmanen darstellen. Zu den großen Zierden des Pallastes gehören auch die vielen und schönen Theater gemälde von Amigoni, Asam, Philipp Helderhof, Johann Adam Miller und Niklas Schuber.
Was das, drei Poststunden von der Hauptstadt entfernte Schleißheim vorzüglich merkwürdig macht, und jeden Künstler, Kenner und Freund der Kunst unwiederstehlich dahin zieht, ist die, bis zur Vollendung der Königlichen Pinakothek hier in fünf und vierzig Sälen und Zimmern des Pallastes, und sechzehn Sälen und Zimmern des nahen Schlosses Lustheim aufgestellte zweite Abtheilung des Königlichen Gemäldeschatzes. Die erste Abtheilung wird bekanntlich einstweilen in der Königlichen Gallerie am Hofgarten aufbewahrt. Seit Herzog Albert V., dem erlauchten Gründer der bayerischen Gemäldesammlung, haben alle nachgefolgte Herzoge und Kurfürsten zur Vermehrung derselben, nach jedesmaliger Lage der Umstände, thätigst und ruhmvoll beigetrageb. Eine ganz außerordenliche Bereicherung aber trat unter der glorreichen Regierung des Königlichen Stammes ein. König Maximilian I. vereinigte mit der Gallerie zu München und Schleißheim die unschätzbaren Gemäldesammlungen von Düseldorf, Mannheim, Zweibrücken, eine nicht unbedeutende Anzahl angekaufter altitalienischer Meisterwerke, und mehrere Meisterstücke seiner eigenen Privatsammlung. Unter Ihm wurde der Kunstreichthum der aufgelösten Hochstifte und Klöster der nämlichen Gallerie einverleibt, und die italienische Schule aus Ankäufen zu Rom, 1814, und zu Paris, 1815 mehrfach glücklich ergänzt. Des regierenden Königs Majestät verdankt Bayern viele, von Allerhöchstdemselben auf Ihren italienischen Reisen gesammlete klassische Gemälde, den im Jahre 1827 abgeschlossenen Ankauf der, in ganz Europa berühmten Sammlung der Gebrüder Boisseriée, und ihres gleichen Freundes Bertram, aus der Niederdeutschen Schule, und den im Jahre 1828 nachgefolgten Ankauf der, ebenfalls sehr wichtigen Fürstlich-Oettingen-Wallersteinischen Sammlung aus der Altoberdeutschen Schule. Erst wenn die Königliche Piankothek vollendet, und in solcher die Meisterwerke der Schleißheimer Sammlung mit jenen der bereits in der Münchner Sammlung aufgestellten vereingt seyn werden, wird man sich über den außerordenlichen Reichthum, und den hohen Werth derselben vollkommen überzeugen können, und den Ausspruch des Herrn Direktors von Dillis, daß keine Gallerie in der Welt den Ruf des Königlich Bayerischen Gemäldeschatzes (in Hinsicht auf die Altdeutsche und Niederländische Schulen) jemals werde erreichen können, keineswegs übertrieben finden. Bis dahin wird man in den, von dem belobten Director neuerlich heruasgegebenen Katalogen hinreichende Auskunft finden. Nach denselben beläuft sich die Anzahl der zu Schleißheim verwahrten Gemälde auf 1649.
Schon seit längerer Zeit ist Schleißheim auch eines der bedeutensten Königlichen Oekonomie-Güter, wo sich nach rationellen Grundsätzen eine vortreffliche Musterwirthschaft besteht, interessante Versuche ins Große gemacht, neben einem vorzüglichen Gestütte, die veredelte Schaasfzucht so fleißig als zweckmäßig betrieben, und viele junge Männer zu tüchtigen Oekonomen gebildet werden.